Es gibt eine Geschichte, die Skalden ungern erzählen. Nicht weil sie schlecht wäre. Sondern weil sie nichts auflöst, und das sind selten gute Lieder. Also flüstert man sie, oder sie wird gar nicht erzählt.

Dieses Lied erzählt von Eron. Kein berühmter Mann. Kein Held der hundert Raubzüge. Kein Jarl. Er war einfach. Aber er trug eine Frage in sich, eine einzige, die er nicht los wurde. Die ihn nicht schlafen lies wenn er sich hinlegte.

Niemand wusste wie die Frage lautete. Eron sprach mit keinem darüber. Aber alle sahen, wie sie ihn langsam aushöhlte. Tag für Tag wurde er… weniger er selbst.

Eines Frühjahrs packte er, was er besaß, und ging nach Norden. Zum Brunnen der Weisheit. Er gab alles, was er bei sich trug, bis hin zu dem geschnitzten Walknochen, den er seit Kindheit am Hals getragen hatte. Sie nahmen es.

Sie hörten seine Frage. Sie nickten und nahmen ihn mit zum Brunnen.

Was er sah, hat er, wie auch die Frage, mit niemandem geteilt. Nicht mit seiner Frau, als er heimkam. Nicht mit seinen Kindern, als sie alt genug wurden. Nicht mit den Skalden, die kamen, um sein Lied zu sammeln. Er sprach nie über die Frage, und nie über die Antwort.

Aber jeder der ihn nach dem Brunnen sah, kannte, sagt dasselbe. Eron ging anders. Er trank anders. Er sah seine Frau und Freunde anders an. Manchmal blieb er mitten auf einem Weg lange stehen, als würde er auf jemanden warten, der nicht kam.

Er lebte noch viele gute Jahre. Aber jeder, der ihm in dieser Zeit begegnete, sagt eines: Eron hatte zwei Schatten. Den eigenen. Und einen, den nur er sehen konnte. Der nie weg ging, egal wie hell die Sonne scheinte.

Wir flüstern die Geschichte, wenn überhaupt. Weil sie uns sagt, was über den Brunnen nicht in den Liedern gesagt werden darf. Dass wenn man hineinschaut, man nie wieder derselbe sein wird.

  • Skalde, der seinen Namen nicht nennen mochte