Während Ranveig, nicht mehr ansprechbar, auf das Tor zulief und sich ihr wortlos weitere Bewohner anschlossen, entdeckte Ove etwas Seltsames. Hinter dem Fenster der Schänke saß eine kleine, feengroße Gestalt. Ein Tomte, aber grotesk entstellt, mit verwachsenen Zähnen und einem grimmigen Gesichtsausdruck. Er schien überrascht, dass ihn jemand sehen konnte.
Doch blieb keine Zeit, diesem Mysterium auf den Grund zu gehen. Die Helden folgten den besessenen Dorfbewohnern durch das Tor und an der Palisade entlang zu einem alleinstehenden Baum. Er schien abgestorben, seine Rinde war vollständig entfernt, aber glomm er schwach in jenem Rostrot, das auch den Himmel über Skeio erhellte.
Noch immer schweigend begannen die Dorfbewohner, die alte Ranveig mit Seilen an den Stamm zu binden. Ove wollte dies nicht zulassen und durchschnitt in einer von Kudrun beschworenen plötzlichen Nebelbank die Seile. Ranveig, die plötzlich wieder zu Sinnen kam, rief ängstlich um Hilfe. Als Ove jedoch mit seinem Dolch die Rinde des Baumes verletzte, schien dieser zum Leben zu erwachen und schlug mit seine mächtigen Ästen. Doch waren seine Bewegungen zu unbeholfen, um jemanden ernsthaft zu verletzen.
Ranveig war tief verängstigt, schien aber zunächst außer Gefahr. Stammelnd berichtete sie, dass sich solche Dinge schon öfter ereignet hätten, sich danach jedoch niemals jemand daran erinnern könne. Ihre Mutter sei keines natürlichen Todes gestorben. Sie habe bereits Briefe geschrieben. Uns sie müsse unbedingt einen weiteren verfassen, damit die Welt erfahre, was hier geschah.
Dann blickte sie voller Furcht zu einer Schneise, die in den nahegelegenen Wald führte. Von dort würde sie kommen. Die Helden müssten fliehen. Sie sei furchtbar und gefährlich, doch wen genau sie meinte, auch daran konnte sich Ranveig nicht erinnern.
Die übrigen Dorfbewohner standen weiterhin regungslos um den Baum. Nichts rührte sich.
Und so beschlossen die Schicksalsträger, der Gefahr entgegenzugehen, und machten sich auf in den Wald. Der tiefe Schnee erschwerte ihr Vorankommen erheblich. Ihnen fiel auf, dass einige der Bäume von einem Kern aus Eisenholz durchwachsen waren, aber von außen war nichts zu erkennen.
Nach einiger Zeit, in beinahe unnatürlichen Stille, vernahmen sie das Plätschern eines Baches. Ove, der sich leichtfüßiger durch den Schnee bewegte, folgte dem Geräusch und entdeckte ein verlassenes Lager an einem kleinen Fluss, dessen Wasser grünlich schimmerte. Das Schimmern verdichtete sich und waberte zu einem kleinen, morschen Stamm. Plötzlich wurde darin die durchscheinende Gestalt eines Tomte sichtbar. Sein Gesicht war von Trauer gezeichnet.
„Meine Seele ist fort“, sprach er. „Sie haben mich vertrieben. Aber du solltest nicht hier sein. Sie wird dich mitnehmen! Vesla, die kleine Schwester.“
Noch andere seiner Art hielten sich hier auf, alle bar ihrer Seele. Wenn die Helden ihnen helfen könnten, so könnten auch sie den Helden helfen.
In diesem Moment bewegte sich etwas Großes über die Wipfel des Waldes. Es war zu hören, aber nicht zu sehen. Die Schicksalsträger hasteten zurück, die Dorfbewohner zu beschützen.
Am Baum angekommen, erblickten sie die Gestalt. Gebückt stand sie dort, mit dem Gesicht einer alten Frau und einer Hakennase. Aus ihrer Stirn ragten zwei Hörner. Ihr Mund glich einem Maul, gefüllt mit mehreren Reihen von Zähnen. Sechs Arme wuchsen aus ihrem Leib.

Als sie bemerkte, dass Ranveig nicht länger an den Baum gefesselt war, wandte sie sich an Ove, der als Erster zurückgekehrt war.
„Ihr habt mir mein Opfer gestohlen. Nun muss ich mir zehn holen.“
Ein Kampf entbrannte. Die Kreatur verfügte über unheimliche Fähigkeiten: Ein abgetrennter Arm verwandelte sich in einen Treestrider, Steinstatuen brachen aus dem Boden hervor und versuchten, die Helden zu erwürgen, während sich zwei ihrer Arme zu gewaltiger Länge strecken und ihre Opfer festhalten konnten.
Und dennoch gelang es den Schicksalsträgern, sie in die Flucht zu schlagen. Blutend floh sie zurück in den Wald. Rekja war sich sicher: Bei der Kreatur konnte es sich nur um einen Jötun handeln!
Tief aus dem Wald drang ein markerschütterndes Brüllen. Die Schicksalsträger sammelten die noch immer katatonischen Dorfbewohner ein und schleppten sie zurück ins Dorf. Hinter dem Tor suchten sie notdürftig Schutz und verbarrikadierten den Eingang.
Nur wenige Minuten später begann der Angriff. Mehrere Bären und ein riesiger Affe stürmten gegen das Tor. Gleichzeitig bemerkte Ove eine Horde Tusser, die an einer anderen Stelle über die Palisade geklettert waren.
Ove kümmerte sich um die Eindringlinge im Dorf, unterstützt von Toki und Skuld. Die Dorfbewohner, noch immer völlig teilnahmslos, waren leichte Opfer für die Angreifer. Währenddessen hielt Bjørn das Tor, und Kudrun und Rekja beschossen die angreifenden Tiere von der Palisade.
Am Ende sollten Angriff sechs Bewohner zum Opfer fallen. Noch Schlimmeres konnte verhindert werden.
Und so plötzlich, wie alles begonnen hatte, endete es auch. Der Himmel riss auf, der Schneefall endete und das rote Leuchten verschwand. Die Bewohner kehrten in ihre Häuser zurück, ohne auf das Geschehene zu reagieren. Die Toten wurden wortlos vor die Türen gelegt. Alle gingen zu Bett. Niemand würde sich erinnern.
Auch nicht Ove und Bjørn, die am nächsten Morgen nicht verstanden, was geschehen war. Erst Rekja und die unübersehbaren Spuren der Verwüstung konnten sie schließlich überzeugen. Doch die Erinnerung an die Ereignisse war ihnen verloren.
Und so beschlossen die Schicksalsträger, schnellstmöglich nach der Quelle des Übels zu suchen.
Nach Vesla, der kleinen Schwester. Worte, an die sich Ove aber nicht mehr erinnern konnte.