Die tote Riesin trug einen Ring am Finger. Er schien die Quelle der widernatürlichen Kälte zu sein, die selbst den Brunnen der Weisheit unter meterdickem Eis begraben hatte. Ove nahm ihn an sich, auch wenn er an seiner Hand eher einem Armreif glich.

Die Quelle selbst im angrenzenden Raum war gefroren. Doch nachdem der Ring entfernt worden war, und mit Hilfe von Kudruns Flammen, wurde das Eis rasch gebrochen.

Lange berieten die Helden, was nun zu tun sei. Von den Völv fehlte weiterhin jede Spur. Schließlich führten Siddhes Eingebung und Hrolfs Erinnerung zu zwei Entscheidungen.

Ove warf den eisernen Kopf, der scheinbar Mirgal mit zugenähtem Mund zeigte, in die Quelle. Wider aller Erwartung trieb der schwere Kopf auf der Oberfläche. Das Wasser färbte sich rostrot, und vor den Augen aller verwandelte sich das Eisen in Fleisch und Blut. Als Bjørn den Kopf aus dem Wasser hob, war er warm. Doch er zeigte keine Regung. Die Lider blieben geschlossen, der Mund war immer noch zugenäht.

Dann stiegen die Helden selbst in den Brunnen. An seiner tiefsten Stelle verschwanden sie für einen Augenblick aus der Welt und empfingen Visionen, jede und jeder für sich allein.

Rekja fand sich am Turm des Hexenkönigs wieder, während Hunderte weißer Raben über ihr kreisten.

Ove sah das Meer einer vergangenen Welt, seiner alten Heimat.

Bjørn stand zwischen Hunderten schattenhafter Gestalten. Nur eine war klar zu erkennen: Olayra, die Skaldin, die ihn vor all den Jahren verflucht hatte. Er lief auf sie zu und flehte um ein Zeichen, wie sich der Fluch brechen ließe. Doch obwohl Olayra zu ihm sprach, war kein Laut zu hören.

Kudrun sah den alten Cenric und einen jungen, trotzigen Mann, beide mit leuchtenden Runen auf der Brust. Dann wurde Cenric Kopf von einer silbernen Klinge abgetrennt. Ein Echo des Geschehens in Rockpike?

So wurden ihnen Zeichen offenbart, die sich nur schwer deuten ließen. Und jene, von denen man Antworten erhofft hatte, die Ältesten der Völv, blieben weiterhin verschwunden. Wie sollte es nun weitergehen?

In dieser Ratlosigkeit offenbarte die Quelle noch ein letztes Geheimnis. Durch das Opfer zweier wertvoller Zauberrollen durfte Rekja mit der Jarlin ihres Klans sprechen. Von ihr erfuhr sie, dass Drifthall, früher als sonst, zu einer Notversammlung einberufen worden war. Die Schiffe sammelten sich einige Tagereisen nordwestlich der Quelle. Dort würden auch die Völv sein.

Und so hatten die Helden ein neues Ziel und kehrten zu ihrem Schiff zurück. Die noch immer hungrigen Hügelriesen ließen sich durch den Kopf ihrer erschlagenen Anführerin von einem Angriff abhalten.

Zwei Tage später hatten sie bereits viele Seemeilen zurückgelegt, als ihnen eine letzte Vision zuteilwurde.

In einem gemeinsamen Traum sahen sie eine gewaltige Armada. Banner aller Klans wehten über den Schiffen. Planken verbanden die Boote, und Gelage, Gesang und Gelächter erfüllten die Nacht. Es war die Drifthall.

Dann erklang plötzlich lautes Knistern und Knacken. Mitten in der Flotte brach Feuer aus. Die Flammen griffen von Schiff zu Schiff und verschlangen alles. Die Gesänge verstummten, und an ihre Stelle traten die Schreie verzweifelter Krieger.

Drifthall in Flammen

Die Helden erwachten zugleich – alle bis auf Rekja – durchnässt von Seewasser. Waren sie erneut Ziel eines Angriffs der Seeschlangen? Und weshalb stand Siddhe am Bug, über das Wasser gebeugt, als wolle sie hineinspringen?

Bjørn riss sie zurück und fesselte sie an den Mast, traute er doch plötzlich der gesamten Besatzung nicht auf sie aufzupassen. Währenddessen suchte Ove, der auf einmal nicht mehr hören konnte, in der Dunkelheit die Angreifer. Doch keine Schlange wurde gesichtet.

Erst nach zahllosen Versuchen gelang es, Rekja zu wecken. Bjørns Misstrauen und Oves Taubheit wichen erst mit dem nächsten Morgen.

Und am folgenden Tag wurde sie endlich gesichtet: die Drifthall.

Ganz wie in ihren Träumen lagen die Schiffe der Klans nebeneinander. Banner von Hallharn, Knattle und selbst Whar waren zu sehen. Lediglich die Örn waren nach dem Untergang Fallegurs nur mit einem einzigen Schiff vertreten. Nun, mit der Grau, war es ein zweites.

Kaum hatten die Helden angelegt, wurden sie von einer kräftigen Dragonbon empfangen, die Kudrun und Rekja wohlbekannt war: Fyrkat, oberste Wächterin der Völv.

Sie führte die Gruppe über Planken und Decks zu einer gewaltigen Barke nahe dem Zentrum der Flotte. Dort, in einem Innenraum, der eher einer Höhle als einer Halle glich und nur von Kohlebecken erleuchtet wurde, warteten die drei Ältesten.

Vielleicht würden sie nun endlich Antworten erhalten.

Die Völv warten auf die Helden