Candlekeep

Wir schreiben den 24. Flamerule 1494 · Lesedauer ~ 8 Minuten · 28. Juni 2020

Wir warten hier schon eine Ewigkeit. Immerhin ist es sicher. Bis auf etwas Regen und Langeweile finden wir keine Gründe, uns zu beschweren. Eine willkommene Abwechslung, nach den Kämpfen. Man muss sich nicht dauernd umsehen. Ungewohnt.

Nach noch etwas mehr Warten kommt ein schwarzer Tabaxi zu uns. Er und seine Kollegen sind in violetten Mänteln gekleidet. Ihnen scheint der Regen nichts auszumachen, sie sind trocken. Arbeiten wohl hier. Die Wächter wollen unsere Bücherspende sehen. Können sie haben – „Ein Lied von Eis und Feuer und Sturm und Wolke und Hügel”. Im originalen Manuskript. Das sollte selten genug sein. Auch wenn ich mir sicher bin, dass dieses Meisterwerk eines Tages in aller Munde und in jedem Bücherregal sein wird. Vielleicht bis auf das letzte Achtel. Unsere Absichten will er auch wissen. Er liest unsere Gedanken. Wir haben nichts zu verbergen, was die Bibliothek bedrohen könnte. Das reicht ihm. Wir dürfen hinein – es gibt aber Regeln. Nur eine Woche dürfen wir hier sein, bevor wir gehen müssen. Wer Wissen vor anderen versteckt, wird auf Lebenszeit verbannt. Wer wissen zerstört, wird ebenfalls zerstört. Wir machen uns auf, den Karren abzustellen und uns in der Unterkunft niederzulassen. Bis auf Veil, die offenbar den Tabaxi, Gale, kennt und einige Fragen an ihn hat, bis er sich plötzlich davon teleportiert. Sie bestellt sich einen Mönch, „den Wissenden Gale” wiederzufinden. Bruder Dougat, ein Kobold, erscheint, sich dieser Aufgabe anzunehmen.

Wir betreten die Kneipe, The Hearth. Hier sind allerhand auffällige Gestalten. Der Schankwirt ist vom Echsenvolk. Ein Oger soll schlauer sein, als wir alle zusammen – meint Toni. Eine Satyr-Frau Roxi, ist offenbar schon betrunken gekommen und macht nun Musik. Wir genießen unser üppiges Abendmahl. Wurst und Käse. Genau das richtige, nach der eher faden Wegzehrung auf der Reise hier her. Die Annehmlichkeiten hier sind auch sonst nicht zu verachten. Die Räume sind gut gegen den Lärm der Straßen gedämmt, auch im House of Rest ist alles ruhig. Es gibt hier sogar eine Sauna! Genau das richtige nach der anstrengenden Reise. Aber nicht für Veil, denn für sie kommt der ehrwürdige Bruder Dougat wieder. Er habe den Wissenden Gale gefunden und könne sie nun zu ihm bringen. Sie geht mit. Wir gehen in die Sauna. Dort ist es auch sehr angenehm, die Entspannung tut uns gut. Während wir noch in eine Diskussion über die Vertrauenswürdigkeit Surinas vertieft sind, kehrt auch bald schon Veil zurück. Sie wirkt noch etwas verwirrt. Scheint kein einfaches Gespräch gewesen zu sein, mit Gale. Fyron soll sich mal mit ihm unterhalten. Er hat vielleicht eine seiner Bekannten, eine Eladrin, gesehen.

Nach der Sauna zieht es mich hinaus in den Garten, für eine Abkühlung, und um nach langer Zeit wieder zumindest für einen Moment allein zu sein. Es ist viel passiert in den letzten Tagen. Zu viel. Ich bin nicht mehr so sicher, wie der weitere Weg aussehen soll. Ich wollte für die Gerechtigkeit eintreten und bin der flammenden Faust beigetreten. Ich glaube wirklich, mich in der Gerechtigkeit geübt zu haben, auch wenn meine Kameraden und meine Vorgesetzten andere Pläne hatten. Korruption, Willkür, Feigheit… um gegen diese Dinge zu kämpfen wollte ich dort beitreten. Doch nun bin ich außer Dienst. Es fehlt also einer wie ich. Dafür habe ich einen neuen Auftrag. Hier kann ich mich wirklich einsetzen. Für die, die nichts an dem schrecklichen Schicksal ändern können, das ihnen droht. Oder sie schon erfasst hat. Baldur’s Gate ist in großer Gefahr, aber Elturel ist bereits in den Höllen. Oder einem anderen schrecklichen Ort. Beide Städte haben viel Unheil auf sich geladen, aber die Fahrt in die Höllen verdient keine von ihnen. Die Drahtzieher sind noch nicht ganz klar. Sicher ist, dass Thavius Kreeg einer von ihnen ist. Sicher ist auch, dass Thalamra Vanthampur eine von ihnen ist. Zumindest der hohe Aufseher Elturels ist nun… was eigentlich? Ein Teufel? Sicher ist, dass wir ihnen das Handwerk legen müssen. Und wenn wir dazu in die Höllen selbst hinab steigen müssen. Vielleicht gelingt es uns sogar, Elturel zu befreien. Ich verliere mich in den Gedanken. Was zu tun ist, ist uns vermutlich schon lange klar. Was ich jetzt brauche sind keine Pläne. Die kommen von selbst. Was ich brauche ist die Zuversicht, die Gewissheit, dass es an uns liegt, hier etwas auszurichten, dass wir stark genug sind, es zu schaffen. Ich suche meine Zuversicht im Gebet. Ich bitte Tyr, den Gerechten, um seinen weisen Rat und seine Ermutigung. Tyr erhört mein Gebet. Er erscheint mir, in seiner Weisheit. Wir haben Gutes getan, Baldur’s Gate ist sicherer als zuvor. Für den Moment. Doch sicher sind wir alle noch nicht. Elturel ist noch immer in den Höllen. Ich wusste schon, was ich tun sollte, doch nun bin ich mir auch sicher, dass ich muss.

Morgens in Candlekeep – 25. Flamerule

Beim Frühstück treffen wir Falaster wieder. Er wartet schon auf uns. Sylvira Savikas wünscht uns so bald wie möglich zu sehen. Er will uns hin führen. Nach einigen Umwegen gelingt es ihm, uns zu einem dunklen, schwarzen Turm zu führen, der voll ist von infernalen Zeichen und Runen an den Wänden. Dort hat sie ihre Schreibstube. Die Einrichtung ist nicht mein Fall. Rituelle Zeichnungen und Kerzen überall, kleine Dämonen, geschmacklose Vorhänge… Dafür hat sie einiges zu erzählen, auch über Thavius Kreeg. Sie hat ihn schon eine ganze Weile im Blick, konnte aber niemanden auf ihre Seite gewinnen. Er muss einen Pakt mit einem Teufel eingegangen sein. Doch Thavius gilt allerorten noch immer als der große Held von Elturel, der den Companion gebracht hat und die Stadt vor dem Untergang bewahrt hat. Dafür musste die ganze Stadt den Creed Resolute schwören.

Sylvira Savikas zeigt auch großes Interesse an Fyrons Schild. Dort scheint ein mächtiger Teufel eingesperrt zu sein – Gargauth. Offenbar ist er es, mit dem Fyron spricht, wenn er sich mit seinem Schild unterhält. Wir sollen uns in Acht nehmen. Er wird sicher versuchen, uns zu manipulieren und schlussendlich zu korrumpieren. Der Vorschlag steht im Raum, das Schild hier zu lassen. In den Katakomben gibt es ausreichend Orte, wo man solche Dinge sicher verwahren kann. Aber das dachte auch schon die Familie Thione-Hhune, die das Schild lange Jahre bewacht hat. Und jetzt hat es Fyron. Und der gibt es nicht her.

Wir bekommen noch eine Liste schlauer Bücher. Sylvira Savikas rät uns, einige davon zu lesen, sollten wir nach Elturel aufbrechen wollen. Dann steht es also fest – früher oder später müssen wir in die Höllen hinab steigen, um diesem Geschehen auf den Grund zu gehen.